Dr. Brauns: ich beglückwünsche euch zum Yennayer 2969! Assegas ameggaz! Frohes Neues Jahr!

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Dr. Nikolaus Brauns, Historiker und Journalist
Dr. Nikolaus Brauns, Historiker und Journalist

BERLIN (TAMURT) – Herzlichen Dank für die Einladung zum diesjährigen Berberischen Neujahrsfest, das Ihr (DKF) am 12. Januar mit einem Kulturabend in München feiert. Ich hätte gerne daran teilgenommen. Doch an diesem Wochenende findet gleichzeitig die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin und die alljährliche Gedenkdemonstration zu den Gräbern von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg statt.

Dieses Jahr kommt der Liebknecht-Luxemburg-Ehrung eine besondere Bedeutung zu. Denn 2019 jährt sich die bestialische Ermordung der beiden Revolutionäre durch faschistoide Freikorps zum 100. Mal. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mussten sterben, weil sie sich konsequent für die Befreiung der arbeitenden Menschen, gegen Militarismus und Imperialismus, für den Frieden und für die Freiheit der vom Kolonialismus unterdrückten Völker eingesetzt hatten.
Die Werte und Ziele, für die Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und der ebenfalls vor 100 Jahren in München ermordete sozialistische Ministerpräsident Bayerns Kurt Eisner kämpften, haben an Aktualität nichts eingebüßt.

Das gilt auch für die Kabylei und das Freiheitsstreben der Imazighen. So, wie Luxemburg, Liebknecht, Eisner und Tausende andere Freiheitskämpfer vor 100 Jahren in Deutschland für ihre Ideale starben, so hat auch die Kabylei ihre Freiheitskämpfer und Märtyrer, die ihr Leben für Freiheit und Selbstbestimmung ließen. Ich denke hier an Fatma n` Soumer – die kabylische Rosa Luxemburg. Sie starb 1863 an Krankheit und Erschöpfung, nachdem die von ihr geführte Guerilla trotz heroischen Widerstandes gegen die französischen Kolonialtruppen unterlag. Oder die kabylischen Fedayeen im algerischen Unabhängigkeitskrieg, die ihr Blut nicht für die Errichtung eines neuen autoritären arabischen Staates sondern für die Schaffung ein freies Algerien aller seiner Völker opferten. Oder an den Sänger Lounès Matoub, der 1998 von Kräften des tiefen Staates ermordet wurde, weil er mit seinen Liedern für den Erhalt der Berbersprache gekämpft und sich gegen den Vormarsch der Salafisten gestellt hatte. Und ich erinnere an die rund 126 meist junge Kabylen, die im Jahr 2001 während Massenprotesten von der Militärpolizei erschossen wurden.

Luxemburg und Liebknecht traten für eine Räterepublik ein, in der die Menschen ihr Schicksal durch demokratische Selbstbestimmung in die eigenen Hände nehmen an statt sich von abgehobenen und korrupten Vertretern entmündigen zu lassen. Vermutlich wussten die beiden Sozialisten nichts von der Kabylei. Sonst hätten sie in den dort seit Jahrhunderten bestehenden Arush (aarch) – den auf Volkversammlungen basierenden Dorfrepubliken – sicherlich eine Inspiration gefunden.
Der Kampf gegen den Militarismus stand für Karl Liebknecht im Mittelpunkt seines Wirkens als sozialistischer Parlamentarier. Mit Waffenlieferungen heizt die deutsche Rüstungsindustrie bis heute weltweite Kriege und Bürgerkriege an und trägt zur Festigung korrupter, despotischer Regime bei. Von der Türkei, die einen blutigen Krieg gegen das kurdische Volk führt, bis nach Algerien, das eine Kolonialherrschaft über die Kabylei errichtet hat.

Algerien ist heute einer der wichtigsten Abnehmer deutscher Kriegstechnik. Im Jahr 2018 erteilte die Bundesregierung die Genehmigung für Rüstungsexporte im Wert von 521.000.000 Euro nach Algerien. Und die deutsche Rüstungsschmiede Rheinmetall hat bei Constantine eine eigene Fabrik zur Herstellung des Panzerfahrzeugs Fuchs gebaut. 120 dieser Radpanzer wurden im vergangenen Jahr bereits fertig gestellt. Daimler lässt in der Nähe von Algier Geländewagen vom Typ Unimog für die Armee montieren.

Mit den Waffenlieferungen verbindet die Bundesregierung die Hoffnung, dass Algerien Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Staaten, die vor Ausbeutung, Hunger und Krieg fliehen, stoppt und ihre Reise über das Mittelmeer nach Europa verhindert. Die deutschen Waffen kommen aber auch in der Kabylei zum Einsatz, um das Streben der Imazighen nach Freiheit und Selbstbestimmung zu unterdrücken. Gerade der Fuchs ist als Radpanzer besonders gut geeignet zum Einsatz in den gebirgigen Regionen der Kabylei, wo ein Großteil der algerischen Armee als Besatzungstruppe stationiert ist.

Das arabisch-nationalistische Regime in Algier versucht den Widerstandswillen der Imazighen durch eine erzwungene Assimilationspolitik und die Förderung des Salafismus zu brechen. Während einer Reise in die Kabylei konnte ich mich vor zwei Jahren von der kolonialen Realität überzeugen. Ich habe aber auch den Mut und die Widerstandskraft des kabylischen Volkes kennengelernt. Denn die Imazighen stehen an der Spitze des Kampfes für Demokratie in Algerien, für die Verteidigung der Freiheit des Glaubens und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Kabylei ist heute ein Bollwerk gegen die weitere Ausbreitung der terroristischen dschihadistischen Banden, die längst nicht nur im Nahen Osten und Nordafrika sondern auch Europa ihre Blutspur hinterlassen haben.

Im Geiste von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner gilt es heute solidarisch mit dem Freiheitsstreben des Volkes der Kabylei, der Imazighen, zu sein. Diese Solidarität muss auch in Deutschland praktisch werden. Es gilt, gegen die weitere Hochrüstung des Regimes in Algier mit deutschen Waffen aktiv zu werden. Und es gilt, die von der Bundesregierung befürwortete Einstufung Algeriens als „sicheres Herkunftsland“ zu verhindern. Denn damit würde nicht nur politischen Flüchtlingen aus Algerien fast jede Chance auf Schutz genommen, sondern auch das Regime in Algier zynischerweise mit dem Gütesiegel einer Demokratie versehen.

Hoch die internationale Solidarität! Für eine freie und selbstbestimmte Kabylei und ein demokratisches Algerien!

Dr. Nikolaus Brauns, Historiker und Journalist, Berlin

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