Ein Kabyle in Berlin

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Im Juni 1998, als gerade der berühmte kabylische Sänger Matoub Lounes ermordet wurde, verbreitete sich die Nachricht darüber wie ein Lauffeuer noch am selben Tag in der ganzen Kabylei. Kein einziger Kabyle hatte Zweifel daran, dass es sich hier um eine Geheimdienstoperation handelte. In allen kabylischen Gebieten entflammte das Feuer der Revolte. Im Moment dieses großen Zweifels an der Integrität des eigenen Staates, bildeten sich kleine Kadergruppen aus Intellektuellen, um zu versuchen den Protest zu koordinieren und die Bewahrung der Ruhe zu gewährleisten. Ich habe mich damals auch mit ein Paar Freunden diesem Komitee angeschlossen. In solchen und ähnlichen Augenblicken gewann die Idee einer Autonomie der Kabylei an Form zu gewinnen und reifte in den Köpfen vieler junger Kabylen. Die Situation in der mörderischen Kabylei spitzte sich schließlich im Jahre 2000 dermaßen zu, dass es mir nicht einmal mehr möglich war, meinen Beruf als Lehrer auszuüben. Auch in anderen Regionen nahm der Hass gegen die Kabylen derartig zu, dass es kein Entrinnen mehr gab. Die Zentralmacht schürt diesen Hass durch die ständige Wiederholung der Ausstrahlung von Aufnahmen der kabylischen Proteste in Radio und Fernsehen, versehen mit rassistischen und anti-kabylischen Kommentaren.

In der Hoffnung mir mehr Klarheit verschaffen zu können, entschied ich mich dazu, mich für ein Jahr freistellen zu lassen. Aber meine weiteren Aktivitäten hinsichtlich einer freien Kultur und Demokratie und im Besonderen mein Engagement für die Autonomie der Kabylen, zogen nur Hass auf mich.

Was nun folgte, sind die mörderischsten Zwischenfälle seiner Zeit, die als „Schwarzer Frühling“ traurig in die Geschichte eingingen. Im April 2001, während einer Massendemonstration gegen die algerische Regierung, schossen die Gendarmen mit scharfer Munition auf die Demonstranten und es gab mehr als 123* Tote, zusätzlich gab es 500 Schwerverletzte, die heute teilweise mit lebenslänglichen Verstümmelungen leben müssen. Und auch ich sollte dieser Tage eine meiner größten Demütigungen meines bisherigen Lebens erfahren. Von Gendarmen verhaftet, geprügelt, auf dem Boden langgeschleift, als Hurensohn beschimpft, ließ man mich halb ohnmächtig nackt am Boden liegen.
Meine Freunde sprangen herbei, um mich aufzuheben und mit Kleidern zu bedecken.

Dieser widrigen Umstände zum Trotz erfuhr ich weiter die Unterstützung meiner Freunde und begann wieder mich politisch, pazifistisch an der Seite meiner Kollegen zu betätigen.

Zum Zeitpunkt der Demonstrationen nutzten die terroristischen Horden die erhöhte Aufmerksamkeit von sich abzulenken, um sich in der Kabylei zusammen zurück zu ziehen, ihre Logistik auf Vordermann zu bringen und die Autoritäten ließen das alles tatenlos geschehen. Es gab viele Leute die von dieser Zusammenarbeit mit dem Geheimdiensten wussten.

Zu diesem Zeitpunkt war mir die lebensbedrohliche Situation längst klar geworden, da immer deutlicher sichtbar wurde, dass die algerischen Machthaber nichts zum Schutz ihrer Bevölkerung zu tun bereit waren. Das Monstrum des Terrorismus machte sich mehr und mehr in der Region der Kabylei bereit und die „mutmaßlichen“ Terroristen die nach meinem Kopf trachteten, tauchten immer häufiger in unserer Gegend auf. Ich organisierte mir ein Schengen Visum. Vor meiner Abreise war ich mir im Unklaren, wo in Europa ich überhaupt hin wollte. Zuerst habe ich natürlich an Frankreich gedacht, schon allein aufgrund der Vereinfachung durch die mir vertraute französische Sprache. Als ich dieses Thema aber mit meinem Onkel besprach, riet er, so wie auch einige meine Freunde, mir dringlich von Frankreich ab.
Ihrer Auffassung nach war der lange Arm der Terroristen in Europa eben genau vor allem dort in den Gettos in Paris, wie Beispielweise Saint Dennis wirksam und in ihrer Gewalt. Mein Onkel rief mir zum Beweis das Attentat auf die Metro 1995 in Paris ins Gedächtnis nicht ohne hinzuzufügen: „geh nicht nach Paris man, dort wirst du niemals zur Ruhe kommen!“ Die Zeit wird ihm Recht geben denn sogar noch 2005 wird in Paris Meziane Mhenni, der Sohn des Präsidenten der kabylischen Autonomiebewegung Ferhat Mhenni hinterhältig ermordet. So entschied ich mich also für Berlin. Nach einem Monat wurde mein Visum ungültig nach fünf Monaten waren meine Ersparnisse aufgebraucht, dann begann für mich eine höchst demütigende Zeit und ich musste mir immer wieder sagen, dass alles wieder ins Lot kommen wird: irgendwann werde ich wieder nach Hause können, dachte ich. Ich bekam hier und da etwas Geld, manchmal reichte es nicht für mehr als ein altes türkisches Brot. Ich übernachtete bei jungen Leuten die immer Mitleid mit mir hatten, wenn ich ihnen meine Geschichte erzählte. Hier und da bekam ich eine heiße Suppe um meinen Hunger zu stillen. Zum Beispiel in verschiedenen türkischen Kulturhäusern. Im Sommer übernachtete ich häufig draußen, am Tag ruhte ich mich in verschiedenen Moscheen aus. Immer wenn ich mich auf Grund dieser misslichen Lage schwach fühlte, stellte ich mir vor, was mich zu Hause erwartet: die Morddrohungen und der im Blut gebadete, tote Körper meines Kollegen. Nie will ich in die Hände dieser Kriminellen fallen. Letzten Winter wurde mein Bruder F. von Terroristen in Militärkleidung mit dem Auto angehalten und 3 Stunden grundlos verhört. Diese Leute sind immer wieder in unserer Gegend gesehen worden.

Ich lebe mit dem Albtraum eines Tages in Algerien, ohne jede Möglichkeit mich zu verteidigen. Dann bin ich wieder hellwach und weiß mich in Sicherheit, solange ich hier bin.

Ich vertraue niemandem mehr und mich umgibt nur Dunkelheit. Einige Monate vor dem Attentat des 11. April 2007 in Algier erzählte mein Bruder mir, wie er sich gerade noch einmal vor einem Bombenattentat, auf ein Militärkonvoi ausgeführt, durch die Horde der Terroristen retten konnte. Er erklärte mir, dass unsere Region zum Korridor der Terroristen, die die „Routenational“ für ihre Truppenbewegungen zwischen den unterschiedlichen benachbarten Bergen benutzten, geworden ist. Außerdem teilte er mir mit, dass die neuen Rekruten sich aus den Waldterroristen speisten und noch alle die dazu stießen die durch Nationale Amnestie freigekommen sind. Das Problem besteht vor allem darin, dass einen nicht nur der Staat bekämpft, sondern noch vereinzelte Terrorgruppen. Man ist nie sicher.

Eine Rückkehr nach Algerein käme wohlmöglich einem Selbstmord gleich, weil die, die meinen Kopf auf die zu Eliminierenden Liste gesetzt haben, immer noch gemeinsame Sache mit denen machen, die durch Amnestie freigekommen sind. Aufgrund dieser Umstände bin ich nach wie vor in Lebensgefahr und kann niemandem in Algerien vertrauen. Ich möchte nicht dasselbe Schicksal wie meine Kollegen erleiden. Ich möchte weder sterben noch Folter ausgesetzt werden und niemals in die Hände dieser Kriminellen fallen.

(Anm. d. Redaktion)

*Die Zahl der Todesopfer, die an Spätfolgen ihrer Verletzungen starben, stieg bis 2009 auf 128 an.

Der Autor ist der Redaktion bekannt. Er möchte anonym bleiben.

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