Fernweh – Kabylei, ich komme wieder!

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Schon bei den Reisevorbereitungen musste ich sehr schnell feststellen, dass eine Reise nach Algerien bei Weitem nicht damit vergleichbar ist, mal eben einen Urlaub auf Mallorca oder in Tunesien zu buchen. Der Weg bis zum Flugticket ist weitaus komplizierter und ohne eine Einladung nach Algerien, eine Auslandsreise-Krankenversicherung, Geld und Korrespondenz mit der algerischen Botschaft bekommt man kein Visum und kann nicht einreisen. Aber irgendwie habe ich es trotzdem geschafft und Anfang Mai saßen wir im Flugzeug der staatlichen algerischen Fluggesellschaft. Das Innere des Flugzeuges warnt einen bereits, dass Algerien einiges, bis auf das an Bord servierte Essen, an Nachholbedarf hat.

Wenn man jedoch die Kabylei betritt, stellt man fest: kompliziert ist gar nichts und Nachholbedarf gilt nur für den Konsum, denn an Warmherzigkeit sind uns die Kabylen weit überlegen und ich wage zu behaupten, dass wir Europäer uns in dieser Hinsicht noch im Entwicklungsstadium befinden.

Nachdem wir die Passkontrolle am Flughafen (die übrigens um einiges
unkomplizierter ist als die in den USA….) passiert haben, werden wir bereits herzlich am Flughafen empfangen und es geht in Richtung Kabylei. Schon bei meiner ersten Berührung mit dem algerischen Autobahnverkehr, muss ich feststellen, dass er nichts für schwache Nerven ist. Es herrscht Chaos pur und man wird das Gefühl nicht los, dass jeder Fahrer den jeweils anderen in höchstgefährlichen Überholmanövern zu überbieten versucht. Irgendwie fließt der Verkehr aber gar nicht mal so schlecht, zumindest so lange die staatlichen Behörden (Polizei/ Gendarmen und sonstige Sicherheitskräfte) nicht eingreifen und immer wieder die Autobahn sperren, um Fahrzeug für Fahrzeug zu stoppen, hineinzuschauen oder auch nicht und um dann endlich den Wink zum Weiterfahren geben. Jeder Kabyle, den man über den (Un-) Sinn dieser Verkehrsflussbehinderung befragt, gibt die gleiche Antwort: “ Dies dient angeblich zur Terrorismusbekämpfung, stimmt aber nicht.“ Außerhalb des Flughafengeländes scheint alles eine einzige Baustelle zu sein. Ich habe noch nie so viele unfertige Häuser gesehen, alles wirkt nur halb fertig, dreckig und unordentlich. Nach einer halben Stunde Fahrt in der Ebene, sieht man schon die Berge oder besser gesagt die Konturen der Kabylei und wir fahren von der Autobahn aus in Serpentinen hoch zum Dorf der Familie. Kaum dort angekommen, geht es auch schon weiter zum Onkel meines Freundes. Und ich bin überwältigt. Während ich von Deutschland eine gewisse Distanz und durchschnittliche Familiengrößen von vier Personen gewohnt bin, stürmen hier so viele Menschen auf mich ein, die mich herzlich drücken und mir jeweils vier (!) Küsschen schenken, dass ich das Gefühl habe, schon nach kurzer Zeit den Überblick verloren zu haben. Ich versuche nett zu lächeln und hoffe inständig einen guten Eindruck zu machen. Unser Flug hatte einiges an Verspätung, aber trotzdem haben alle auf uns gewartet und kaum sitzen wir, werden uns auch schon große Platten mit Cous-Cous, Salat und nicht zu vergessen – Pommes – serviert.
In der Familie sind vier Generationen unter einem Dach vereint und man merkt sehr schnell, dass das Bewusstsein von Zusammengehörigkeit und die Gewissheit einer gemeinsamen Verantwortung das familiäre Zusammenleben der Kabylen stark prägen. Anders als in Deutschland, wo die Individualität des Einzelnen eine immer größere Rolle zu spielen scheint, fühlen sich die Kabylen einer Gemeinschaft zugehörig und sichern die Versorgung des jeweils anderen.
Obwohl Männer und Frauen normalerweise getrennt essen, nehme ich als Gast das Essen mit den Männern und der deutschen Verwandtschaft ein. Die Mädchen und Frauen gesellen sich nach dem Essen zu uns, um gemeinsam mit uns Tee zu trinken und zu erzählen. In den nächsten Tagen lerne ich dank Ahmed und Monika die Kabylei kennen. Und ich muss wirklich sagen: Die Landschaft ist atemberaubend schön und unglaublich abwechslungsreich. Es ist ein Ensemble aus Meer, Küste, Bergen, großen Städten, kleinen Dörfern und traditionellem Brauchtum. Man kann es kaum glauben, dass das touristische Potenzial Algeriens nicht genutzt wird, vor allem, wenn man bedenkt, dass Algerien gerade mal drei Flugstunden von Deutschland entfernt liegt und von der Landschaft und dem Klima all das bietet, was man sich als Europäer von einem Urlaub erhofft. Zumindest auf den ersten Blick…

Wenn man genauer hinschaut, muss man nämlich leider feststellen, dass immer wieder weite Flächen der Landschaft als Müllhalde oder Autofriedhof genutzt werden.
Besonders fasziniert bin ich von den ganzen Tieren, die einfach so auf der Straße stehen und sich ihren Weg zur Weide selbst zu suchen scheinen. Direkt am Anfang unserer Fahrt durch die Kabylei kommt uns ein älterer Mann entgegen, der, wie Ahmed mir erzählt, jeden Tag mit seinem Esel und seinen zwei Schafen den beschwerlichen Weg in die Berge auf sich nimmt, um seine Tiere dort grasen zu lassen.

Weiter geht es durch die Dörfer und Städte, in denen man auch an Werktagen Unmengen von Menschen sieht. Diese scheinen überall zu sein und wieder mal werde ich das Gefühl nicht los, dass es kaum bis gar keine Verkehrsregeln zu geben scheint bzw. zumindest keine, die mir ersichtlich sind. Als wir anhalten, um auf einem Markt einzukaufen, befinde ich mich plötzlich unmittelbar selbst in dem Gewusel. Die Leute um mich herum gehen auf dem Bürgersteig, auf der Straße, jeder überquert die Straße, wann er will, wo er will und so quer wie er will.

Der Markt ist sehr groß und gut besucht. Neben traditionellen Kleidern erhält man hier Gewürze, Früchte, Gemüse, Töpfe und sogar Möbel. Eigentlich schlichtweg alles, was man braucht. Trotzdem die Auswahl sehr begrenzt und man kann bereits nach kurzer Zeit erraten, welche Artikel man am nächsten Stand vorfinden wird. Im Gegensatz zu Europa ist die Marktwirtschaft in Algerien noch nicht sehr ausgeprägt. Während ich es von Urlauben in der Türkei und in Gambia gewohnt bin, keine ruhige Sekunde zu haben und von Verkäufern belagert zu werden, müssen wir den Verkäufer hier sogar suchen und ihn dazu bewegen uns etwas zu verkaufen.
Bei unserer weiteren Fahrt fällt mir insbesondere die Vielfalt der Menschen auf, die sich auch in den Straßenschildern, die zum größten Teil auf drei Sprachen (Kabylisch, Französisch und Arabisch) geschrieben sind, widerspiegelt.

So prägen sowohl Frauen in traditionellen kabylischen Kleider, sehr modern und westlich gekleidete Frauen sowie verschleierte Frauen das Straßenbild der größeren Städte. Auch hier wird wieder deutlich, dass die Kabylei nicht mit Algerien gleich zu setzen ist. Die Kabylei ist vielmehr eine Region, in der sich ein Großteil der Bevölkerung gegen den islamischen Fundamentalismus stellt und immer mehr Personen zum Christentum übertreten.
Auf unserem Weg zum Djurdjura, dem höchsten Berg der Kabylei, genieße ich die vielen Eindrücke, die auf mich einwirken.

Die nächsten Tage nutze ich dazu, die Familie meines Freundes kennenzulernen, was bei allein über 100 Cousins und Cousinen mit wiederum vielen Kindern nicht gerade mit einem Familienbesuch in Deutschland vergleichbar ist. Und auch hier bin ich wieder von der Herzlichkeit und Offenheit der Kabylen fasziniert, die mich wie eine langjährige Freundin begrüßen und mich mit Geschenken überhäufen. Eine Cousine nimmt sogar eine dreistündige Busfahrt auf sich, nur um mich und meinen Freund für kurze Zeit zu sehen.

Abends essen wir meistens beim Onkel meines Freundes und die Frauen und Mädchen rufen mich an meinem zweiten Abend in der Kabylei zu sich in die Küche. Während sie am ersten Tag im Kreis der Familie noch sehr zurückhaltend und fast schon schüchtern waren, sind sie jetzt wie ausgewechselt, kichern, lachen und schwatzen um die Wette. In dem Moment fühl ich mich in der Kabylei angekommen und wundere mich selbst darüber wie schnell man aufgenommen und integriert wird.
Und ich muss feststellen, dass trotz der sehr unterschiedlichen Herkunft und Erziehung, scheinbar alle Mädchen der Welt doch die gleichen Gesprächsthemen haben. Trotz sehr großer Sprachbarrieren, weiß ich bereits nach 15 Minuten, wer schwanger ist, wer heiraten wird und dass die jüngeren Mädchen beschlossen haben, dass sie nicht mehr als zwei Kinder haben wollen. Von mir erfahren Sie, dass es in Deutschland ganz normal ist, zusammenzuleben ohne verheiratet zu sein. Ihr wiederholtes Nachfragen, lässt mich jedoch erkennen, dass Sie es zwar verstehen, jedoch nicht nachvollziehen können. Ich verbringe eine wunderschöne Zeit im Kreis der Familie und kann kaum glauben, wie schnell die Zeit verfliegt und wie schwer es mir fällt, wieder nach Deutschland zurückzufliegen.

Die Kabylei oder Tamurt, wie die Kabylen ihre Heimat nennen, ist eine Region in Algerien, über die man, wie anfangs geschrieben in Deutschland nur sehr wenig bis gar nichts weiß, für mich ist es jedoch eine Region/Kultur, die den Weg in mein Herz gefunden hat. Und dies nicht zuletzt wegen der wunderschönen Landschaft und der unglaublichen Herzlichkeit und Offenheit der Menschen.

Je veux revenir…

J.B.

Alle Bildrechte liegen bei der Autorin.

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