Gedanken zu Boualem Sansals Werken

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Ein Preis für den Frieden, an einen Autor, der in seiner Heimat Algerien, hinter seinem mit Stacheldraht vergitterten Haus Schutz suchen muss gegen die Angriffe des Terrorismus, sowie gegen das von ihm vielfach kritisierten Regime. Einem Autor dessen «westliche Besucher» wie zum Beispiel einem mitteleuropäischen Journalisten, der vorsichtshalber lieber «die Chipkarte des Interviews» aus dem Aufnahmegerät diskret in der Hose verschwinden lässt, als der Taxifahrer, der ihn zurück bringen soll, gar zu neugierige Fragen danach stellt, wo er denn herkomme, wer denn sein Freud sei? Der an Abenden vorsichtshalber lieber zu Hause bleibt, will er sich nicht unnötigen Gefahren aussetzten. Dessen Bücher in seiner Heimat nicht nur keinen Verleger finden sondern regelrecht verboten sind.

Ein Autor der sich trotz alledem nicht nur dazu entschieden hat weiter zu schreiben, sondern auch da zu bleiben, weil er der Überzeugung ist, dass man seine Kritik, zu Hause vor Ort gerade bitter benötigt!

Ein Dorn im Auge der Machthaber, im Visier des Geheimdienstes sowie der Terroristen, schreibt er gegen Machtmissbrauch einer Diktatur ebenso vehement wie gegen Fundamentalismus und Jedweden Totalitären Anspruch auf Macht.

Doch spricht er über den «algerischen Frühling» meint er die Aufstände 1988. «Wir hatten unseren Frühling und sind damit gescheitert, wir zersplitterten uns in 150 demokratische Parteien mit einem Spektrum von links extrem bis rechts extrem. Wir konnten uns nicht auf ein Programm einigen und unterlagen binnen weniger als 3 Monaten den gut organisierten Islamisten. Genau das passiert in seinen Augen jetzt in Ägypten: die Demokratiebewegung ist zersplittert und die Islamisten sind gut organisiert; was in Algerien auf «diesen Frühling» 1988 folgte, waren 15 Jahre unerbittlicher Bürgerkrieg,» so Sansal…. wo?

Größte Befürchtungen hegt Sansal bereits jetzt, für den «arabischen Frühling» verfolgt ihn die bange Frage, was am Ende von dem so genannten «arabischen Frühling» wohl noch übrig bleibt. Gibt er von vornherein eigentlich nur der «Jasminrevolution Tunesiens und Ägyptens» überhaupt eine kleine Chance auf Demokratisierung und fürchtet, dass überall anders bald schon das Militär oder aber Fundamentalisten wieder die Macht dem Volk entrissen haben werden.

Er ist ein Tabubrecher und er schreibt außerdem auf Französisch, obgleich er nicht ins Exil ging sondern dort blieb, wo er ursprünglich her kommt – in Algerien. Manche verübeln ihm dass er nicht auf Arabisch schreibt.
Doch er war von einer stark aus Frankreich beeinflussten Erziehung seiner Mutter, und einem berbersprachigen Vater multilingual und mit kultureller Vielfalt groß gezogen, nicht willens sich noch eine zusätzliche Fremdsprache aufzwingen zu lassen.

Was Kritiker auch wiederum gerne zum Anlass nehmen ist ihm eine «verräterische Einstellung» und Haltung «Pro Kolonialmacht Frankreich» eingestellt zu sein, unterstellen.
Für ihn ist jedoch der Austausch, nach der Frankreich abgetrotzten Herrschaft und der scheinbar errungenen Unabhängigkeit, in eine neue arabische Vormachtstellung gegenüber der algerischen Bevölkerung auf ein und der selben Linie und nur als erneute Kolonialisierung anzusehen.

Ein von ihm gebrochenes Tabu ist es also die Unabhängigkeit nicht zu glorifizieren sondern zu kritisieren. Er selbst – zur Hälfte berberischer Abstammung – wehrt sich gegen die Arabisierung und hält den Austausch von der französischen Kolonialherrschaft in eine arabische nie für Demokratie, oder das was man sich von einer Unabhängigkeitserklärung und freien Wahlen erhofft hätte.

Ohne Blatt vorm Mund spricht er nicht von der errungenen Unabhängigkeit sonder von einem Machtwechsel.

Der Zeitung «FAZ» sagt er: «Alles was ich noch zu verlieren habe ist mein Leben»

Wie schafft es ein Mensch, jedoch umzingelt von Menschen die ihm entweder feindlich gesonnen oder auch nur ignorant ihm gegenüber sind, weil in «völliger Unkenntnis» seiner Werke, da sie ja dort nicht mal gelesen werden dürfen, an diesem Ort weiter zu leben und zu arbeiten?
«Ich schreibe gegen das tödliche Schweigen» (FAZ)

Sein Anliegen ist multikulti, multireligiös, multisprachig. Er klagt auch das Recht auf Ausübung der Berbersprachen und Kultur der ursprünglichen Bevölkerung Nordafrikas auf Augenhöhe mit dem Arabischen, also die Erhebung zur Amtssprache ein.
Wünscht sich die Diversifikation und Demokratisierung anstatt Monokultur und Diktatur.

Ist es der Dorn im Fleisch, der Stachel des Widerstandes der ihn antreibt? Ist er, dieser Stachel, sein schmerzlicher, schöpferischer Motor? Sich also dem System zum Trotz öffentlich zu seiner systemkritischen Einstellung zu bekennen? Die Initialzündung, zum Schreiben war nach eigenen Aussagen, als er gerade 50 Jahre alt war, die Ermordung des Präsidenten Boudiaf 1992 und die zunehmende Islamisierung. War er vorher noch als promovierter Ökonom, als hoher Beamter und Ingenieur im Industrieministerium, verlor er später durch seine Schriftstellerei sein Amt. Das Schreiben führte, wie er es selbst erzählt erst zur Zwangsbeurlaubung und in Folge zur Enthebung seines Amtes mit allen Konsequenzen.

Nannte man ihn aufgrund seines ersten Romans «Le serment des barbares» in Frankreich erschienen, einen Spracherneuerer, Satiriker und Poeten hielt seine Heimat einen anderen Begriff für ihn bereit. Für sie war er nur ein «Nestbeschmutzer.»
Doch er blieb dabei!

Zitierte er in der Paulskirche bei der Preisverleihung Albert Camus: dass man sich wenn man schreibt, bereits entschieden habe!

Ein weiteres Tabu ist es, die Nähe von Nationalsozialisten, hier in der Figur des faschistischen Alt Nazis, und des ehemaligen Unabhängigkeitskrieges «Algeriens aufzuzeigen». In seinem letzten Roman «Das Dorf des Deutschen» legt er den Finger gerade in diese Wunde. In dem er erzählt, dass ein Alt Nazi nicht nur an der Front Liberation Nationale im algerischen Bürgerkrieg selbst beteiligt war, sondern auch von den Auswirkungen auf ein Dorf und wie er der Alt Nazi da später völlig ungestraft, zu Amt und Würden in Algerien gelangt, dort bleibt und ein unbehelligtes Leben führt.

Nächster Tabubruch:
Ja er wagt sogar den Vergleich und zieht die Parallele zwischen den Faschisten und der totalitären Ideologie der Islamisten. Vom Interviewer befragt ob das nicht ein bisschen zu weit ginge antwortete er unbeirrt: «nach meinen Beobachtungen hat der Islamismus die Form des Faschismus…» und man kommt nicht darum herum, um ihn, also den Islamismus zu verstehen…. sich eben genauer mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen.

Die faschistischen Züge einer fundamentalistischen Terrorbewegung aufzuzeigen ist ebenfalls ein sehr unpopulärer Standpunkt und so setz sich Boualem Sansal, so ziemlich nach allen Seiten, überall kräftig, wortreich und voller sprühender Rhetorik und wortgewaltiger Dichtkunst jedoch politisch in die Nesseln.

Als Angehöriger eines Staates der sich selbst als «arabisch und islamischen Staat» bezeichnet und versteht ist es außerdem – und hier kommen wir schon zum nächsten Tabubruch – ein Skandal sich zu dem Leid der Juden zu bekennen, was er hier unter anderem auch mit seinem Roman «Das Dorf des Deutschen» explizit tut.

Interessante Anmerkungen zu seinem provokativen Artikel: «Das Problem der arabischen Demokratie heißt Islam»: hier fand ich in den Anmerkungen hierzu: Der Artikel von Boualem Sansal bezieht sich Inhaltlich auf die aktuellen Ereignisse – also selbstverständlich in der arabischen Welt zu Beginn des Jahres 2011 – insbesondere Bezug nehmend auf die Geschehnisse in Algerien, Tunesien und Ägypten. Der provokante Titel: «Das Problem der arabischen Demokratie heißt Islam» wird im Untertitel , ………………………..

Sagt Sansal dort: «Die Aufstände in Tunesien und Ägypten verdienen Respekt. Aber solange Religion und Nationalismus dominieren, besteht wenig Aussicht auf bessere Zeiten.»
Wenn Sansal anschließend in diesem Zusammenhang auf den ägyptischen Oppositionellen El Baradei zu sprechen kommt, wird er Konkret und kritisiert hier Baradei offen, hinsichtlich einer islamischen Orientierung, wo er sich doch als Demokrat internationalen Zuschnitts positioniere und verübelt ihm El Baradei also hier, dass er als aller erste Geste das gemeinsame Gebet mit den Islamisten auf offener Straße gewählt habe (er hätte seiner Auffassung nach doch ebenso gut auch mal in eine Kirche zu den Kopten gehen können), anstatt hier vor allem seine patriotischen und ideologischen Positionen zu betonen, so Sansal.

Neben der Religion sieht Sansal den arabischen Nationalismus als zweites großes Hindernis auf dem Weg zur Demokratie. Er bemerkt hierzu: «Wenn sich die Ägypter, Algerier, Tunesier endlich als Ägypter, Algerier, Tunesier definieren und nicht auch oder nur als Araber oder Muslime – dann wären sie wirklich auf dem Weg zur Demokratie. Dann könnten sie auf eine ganz natürliche Art den anderen akzeptieren, den Christen, den Juden, den Laizisten und den Fremden, der in ihrem Land lebt und heiratet […].» (Sansal in DIE WELT)

Eben für diese Art derartigen Widerspruchsgeist und den Mut dabei weiter im Land zu bleiben mit Standpunkten und Positionen die Generationen von Autoren Grund genug geliefert hatten, selbst vorsichtshalber ins Exil zu gehen, unter Anderem dafür am Ort der Kritik zu Verharren erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Lesenswert also nicht nur sein letzter Roman «Das Dorf des Deutschen». Aufmerksam machen wir hier auch besonders auf seine politisch wohl bisher aufschreiendstes Werk: «Postlagernd Algier» welches ebenfalls schon auf Deutsch erschienen ist. Zur Zeit wird gerade sein jüngster Roman übersetzt. «Rue Darwin» einem Ort seiner Kindheit.

Ein mutiger Rebell, ein virulenter Autor, ein Systemkritiker, ein Vermittler der Kulturen. Er ist auf der Suche nach Vielfalt, das Bunte, nicht die Vereinheitlichung in ein Grau in Grau oder Camouflage des Militärs, nein, ein durch und durch Demokratie bewegter Intellektueller der heute die Intellektuellen Tunesiens und Ägyptens ermahnt jetzt doch wieder nach Hause zu kommen um selbst mit Hand anzulegen und die Bewegung des Volkes zu Unterstützen bei den Bemühungen einer Demokratie den Weg zu bereiten und gestürzte Diktaturen nun umzugestalten helfen.

© m.d.l

Anmerkung der Verfasserin: Vielleicht bedarf es hier einer Außenstehenden dritten Person, wie meiner, einer Nachkriegsgeneration aus Deutschland um die Frage aufzuwerfen, wenn er als seine Muttersprache Tamazight (welches er aber nicht spricht) und Französisch ansieht und auf Französisch schreibt, warum dann nicht Übersetzen gerade in das Arabische, aber selbstverständlich auch Englisch, Spanisch, Deutsch… Um eben genau denen im Lande, denen es verboten wird ihn zu lesen, die Lektüre zu vereinfachen oder für die Generation nach der Kolonialherrschaft, die mit Arabisch aufwuchs und Alphabetisiert wurde, überhaupt erst zu ermöglichen und um die sogenannten arabisierten Berber, Kabylen und Algerier zu erreichen und sie vielleicht sogar so in den Dialog zurück zu gewinnen?

Auch die neuen Medien sollte man nicht vernachlässigen wie Internet, Internet Radio und Internet TV, um seine Werke einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und vor allem gerade auch dort, wo sie verboten sind, anzupreisen!

Fotos: ©Uli Rohde – Tamurt.info
Paulskirche Frankfurt am Main 16.10.2011

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