Marokko will mehr als nur ein neues Parlament.

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Dieser Tage dürften es zumeist Berber sein, die mit ihren blau, gelb, grünen Fahnen in Marokko auf die Straße gehen. Sie werden seit Jahren durch das System schikaniert und marginalisiert. Aber im Moment scheinen sich alle einig zu sein: die Berber, die Islamisten, die Marxisten und andere kleinere Interessengruppen.


{{Demonstration in Agadir/Marokko
}}

In der Bewegung des 20. Februars (Mouvement du 20. Février), so nennt sich die Bewegung, unter denen sich nun alle gegen das Regime vereinigt haben, hat man gemeinsame Forderungen formuliert wie, die Freilassung politischer Gefangener, sowie die Offizialisierung der Berbersprache und eine neue Regierung. Denn die letzten Wahlen in 2007 sollen nach Angaben von Beobachtern zwar „sauber“ gewesen sein, dennoch war die Wahlbeteiligung mit 37% so gering, dass sie kaum Schlüsse zulässt und schon gar nicht Marokko repräsentiert. Die Berberbewegung rief damals zum Boykott auf. Sie meinten, es müsse eine Verfassungsänderung geben – und zwar vor den Wahlen. Sie wollten erst eine Offizialisierung der Sprache und danach die Wahlen.

Ahmed Aasid, Wissenschaftler für masirische Kultur am IRCAM – Institut Royal de la Culture Amazighe (Königliches Institut für masirische Kultur in Rabat, Marokko) bringt es auf den Punkt:
Er meint, dass das Problem Marokkos eng verknüpft ist mit dem Problem der Masiren und jenes wiederum mit anderen globalen Problemen, wie etwa der Demokratie oder den Rechten der Frau.
„Unsere heutigen Probleme hier wurden durch das Jakobinische System, welches durch das Protektorat durch die Franzosen in Marokko geschaffen wurde, hervorgerufen:
Eine Sprache, eine Religion und eine Kultur für alle!
Man hat das Arabische gefördert und den Rest gelöscht.
Die Arabisation ist ein Mechanismus der Politik, mit dem Ziel die Identität der Menschen zu verändern.
Es war z.B. verboten den Kindern masirische Namen zu geben.
Erst seit dem neunten April 2010 sind die Namen wieder erlaubt – aber immer noch mit einigen Einschränkungen… wie z.B. der Name Dihya, Jughurta, Aksil und noch ein paar weitere. Es sind Namen bedeutender Berber, die in die Geschichte eingegangen sind.“

Die Kinder mussten ihre gesamte Schulausbildung auf Arabisch absolvieren, welche die Berberkinder in der Regel bis zu ihrer Einschulung nicht sprechen.
Dadurch sind sie immer benachteiligt und häufig auch nicht motiviert. Wer spricht und lernt schon gern eine Sprache, die ihm aufgezwungen wurde.

Meryem Demnati ist ebenfalls Mitarbeiterin im IRCAM und meint: „1960 nach der Unabhängigkeit wurden Leute systematisch ausgeschlossen. Es war eine Exklusion. Hier gäbe es nur den Islam und die Kultur sei arabisch.
Wir haben uns mit allen herumgeschlagen und unsere Bewegung hat sich vergrößert, aber auch verändert.
Man kann sich das ein bisschen so vorstellen, wie in der Apartheid.

Nun ja, wir sprechen hier auf jeden Fall nicht nur über die Sprache, sondern auch über die Demokratie, individuelle Rechte, Menschenrechte, Frauenrechte.

Im März 2000 gab es eine große Demonstration. Millionen Menschen waren für die Menschenrechte und den Berberfall auf der Straße. Es wurden Änderungen vorgelegt, Papiere unterzeichnet. Im Nachhinein hat sich alles als Blabla herausgestellt. Es war nur, um dem Okzident ein neues Gesicht vorzugaukeln.

Sie haben uns an der Nase herumgeführt und wir müssen stets wachsam bleiben, aber ich denke, dass unsere Jugend das schon verstanden hat und auch wenn man es müde ist… man darf bei diesem Diskurs niemals schlafen.
Für die Arabisation gibt sogar ein eigenes Institut. Es ist gleich nebenan!

Die Arabisierung ist ein offizieller Prozess, der auch einen „Langucide“ – also eine vorsetzliche Tötung einer Sprache zur Folge hat, der von einer Masirophobie – einer Angst vor den Masiren (den Berbern) – begleitet ist.“

Im Alltagsleben der Großstädte findet man fast nur das Arabische. Steht man in Rabat am Bahnhof, so hört man Durchsagen auf Arabisch und Französisch. Aber nicht im standartisierten Tamazight, einer Berbersprache, welche von einem Großteil der Bevölkerung gesprochen wird. Immerhin ist sie im Öffentlichen Bild nicht mehr verboten. Bis 2006 war es sogar verboten im Fernsehen Tamazight zu sprechen.

Die unzumutbare Lage der Berber bestätigt uns auch Rachid Bouksim vom staatlichen Radiosender S.N.R.T. (Er ist Direktor des masirischen Filmfestivals Issni N’Ourgh.)

Bouksims Meinung nach schreiben die Verantwortlichen der Medien, besonders der oberste Verantwortliche des marokkanischen Radios und Fernsehens ehemals RMT, also das heutige S.N.R.T. den masirischen Medien keine Wichtigkeit zu.
„Das masirische Fernsehen und das Radio wurden nur gegründet, weil der König es wollte. Wenn es nach dem Parlament ginge, gäbe es uns vermutlich gar nicht!
Das ist eben genau unser Problem hier. Wir Berber werden permanent marginalisiert.
Unsere Arbeit hier im Radio ist schlecht organisiert. (Es gibt keine Versammlungen und Besprechungen für alle Mitarbeiter zusammen. Das wäre aber für die Planung wichtig. Aber das kümmert die Obersten nicht.) Geld fehlt an allen Ecken und Enden, aber wir können auch nicht umsonst arbeiten – dass können nur die Aktivisten.
Auch unsere Website wird von einer Abteilung betreut, die alle staatlichen Sender abdeckt. Sie interessiert sich nicht für unsere Belange und wir sind das letzte Glied der Kette. So findet man auf unserer Seite derzeit einen „Barbu“ einen bärtigen Mann, welcher ja im Grunde den konservativen Islam repräsentiert. Das hat nun mit dem Ursprung unserer Berberkultur wirklich nichts zu tun.“

Wie man sehen kann, ist die Lage in Marokko wesentlich verzwickter, als man von außen zunächst annimmt. Der Schrei nach Demokratie wird lauter, aber Marokko muss sich bemühen, dass die Demokratie auch in allen Schichten und Volksgruppen umgesetzt wird, sonst kann man gleich wieder von vorn anfangen. Ähnliche Zustände spielen sich auch in Algerien ab. Hier bemühen sich deshalb viele Berber eher um eine Autonomie, denn die Vorstellungen in einem Land, dessen Grenzen mit dem Lineal gezogen wurden, sind eben grundverschieden.

Nun kommen auch noch die radikalen Islamisten auf den Plan. Sie merken, dass ihnen die Fälle davonschwimmen, dass es den Marokkanern mit der Demokratie ernst ist und melden sich kurzerhand mal wieder mit einer Bombe zu Wort – sonst hört ihnen ja keiner mehr zu.

Uli Rohde – tamurt.info

Dank geht an Abdellah Bouzandag aus Rabat, der mir bei schwierigen Fragen zur Seite stand.

1 KOMMENTAR

  1. Hallo Gies,wenn ich mich richtig eirnnere, standen wir schon damals im Kontakt. Tja, was sollen die Volkswagens auch sagen? Dort d rfte das Projekt schon l ngst vergessen sein. Die Initiatoren sind schon lange in Rente und/oder in der Hirarchie auf-/um- oder abgestiegen.Die Zeiten sind schnelllebig und das ist gut so. Bedauerlich, dass die Inhalte seinerzeit nicht f r die Seitenstark-Initiative gerettet wurden. Wer wei vielleicht ist der eine oder andere Entwickler ja noch am Ball, spielt weiter und meldet sich hier

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